Religiosität – Unio Mystica in der Mystik – Erleuchtung im Zen
Religiosität - Mystik & Zen
Während Religion (Form) auf einer äusserlichen Beschreibungsebene eines Symbolsystems mit kosmischer Wahrnehmung verbleibt, so kennzeichnet Religiosität (Inhalt) eine innere Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung. Die Unio Mystica (mystische Hochzeit) in der Mystik oder die Erleuchtung im Zen. Im Osten nennt man sie Zen Meister und im Westen sind es die Mystiker. Die Heiligen und Weisen, welche das lebendige Wort suchen, welches die Seele zum Leben erweckt.
Mystik braucht die symbolische Sprache (Religion), denn am Anfang war das Wort, und das lebendige Wort war mit Gott, und der Logos war Gott. Wenn du verstanden hast, dass es keinen Weg gibt, es zu sagen, dann solltest du wissen, wie es zu sagen ist, denn am Anfang war das Wort. (Zen Meister Pohwa Sunim)
Der Hund jagt den Ball, der Tiger beisst den Werfer! Der unbewegte Beweger: Gott hat sich noch nie bewegt und trotzdem schmilzt das eiserne Rad!
Zen & Mystik - Erfahrung der Göttlichen Wirklichkeit
Mystik ist eine besondere Form der Religiosität, besondere Hingabe und Versenkung. Merkmale des mystischen Erlebens sind das Streben nach der Vereinigung mit dem Übersinnlichen, Göttlichen, die Abkehr von der Welt des Sinnlichen und dem rein Intellektuellen und die meditative Versenkung der Seele in sich selbst.
Im Zen und der Mystik geht es um die religiöse Erfahrung und der lebendige Kern jeder Religion, in der es allein auf die Praxis - die religiöse Erfahrung, die Verwirklichung ankommt. Und die religiöse Erfahrung hat bei uns im Westen die Sprache des Christentums (die Muttersprache unserer Seele) und im Osten die Sprache des Buddhismus. Es geht nicht um Gottesbeweise sondern um Gotteserfahrungen.
Meditation und Kontemplation dient nicht der Entfaltung des Ich und der Pflege der Persönlichkeit, sondern der Offenbarung des göttlichen oder absoluten Selbst. In ihr wird nicht Wissen erstrebt und erlangt, sondern Gewissheit und Weisheit.
Das Paradoxe - Durchbruch vom Ich zum Selbst
Viele Berichte von mystischer Erfahrung betonen, dass kein Begriff und keine Aussage auch nur annähernd passen. Das Erfahrene ist, auch abhängig von soziokulturellen Bedingungen, höchstens umschreibbar. Bei gleichzeitiger Nichtbenennbarkeit und dem Verlangen, von der Erfahrung dennoch nicht nur zu schweigen, bedient sich Mystik oft auch metaphorischer und symbolischer Stilmittel.
Denn nur das Paradoxe vermag die Fülle des Lebens annähernd zu fassen, die Eindeutigkeit und das Widerspruchslose aber sind einseitig und darum ungeeignet, das Unerfassliche auszudrücken. Der LOGOS, der unbewegte Beweger, das lebendige Wort, das Schwert der Weisheit, welches mit einem Schlag zum Leben erweckt und gleichzeitig tötet. Das Wort, welches meine Seele heilt.
Die Zen Meditation mit paradoxen Fragen (Koan, Hwadu) zielt auf einen Durchbruch eines durch die Ich-Form begrenzten Bewusstseins in das Nicht-Ich-ähnliche Selbst. Eine Erfahrung religiöser Transformation und eine mystische Erfahrung, mit ihren Vorstufen bestehend im „Loslassen“ und „Entleeren von Bildern und Ideen“.
Thomas von Aquin
Von Thomas von Aquin wird legendarisch berichtet, er habe nach einer mystischen Erfahrung seine Bücher verbrennen wollen, da er dadurch erkannt habe, dass alle Gott zuschreibbaren Begriffe mehr falsch als richtig sind. Tatsächlich reflektiert die thomanische Analogielehre die Beschreibbarkeit und Unbeschreibbarkeit Gottes.
Mystiker im Westen - Monastisch-Mystischen Streben
Im Mittelalter lebt die persönliche mystische Gotteserfahrung vor allem in den Klöstern. Die Klöster waren somit auch das Rückgrat der Religion und die Basis einer gesunden Gesellschaft. Höchstes Ziel des monastisch-mystischen Strebens bleibt diese Gotteserfahrung in der unio mystica, der mystischen Vereinigung mit Gott, im weiteren Sinn die Suche nach einem „Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes“.
Unio Mystica - Einswerdung mit Gott
Die mystische Hochzeit (unio mystica) ist die unmittelbare Gotteserfahrung. Wie kann man aber etwas mitteilen, was nicht im begrifflichen Denken fixiert ist? Es geht eben nur über das Paradoxe. Der Lebende und das Gelebte, der Liebende und das Geliebte verschwinden im mystischen Sein der Absolutheit. Man wird eins.
Zen Meister im Osten - Erleuchtung
So ist die Erleuchtung bei den Zen Meistern im Osten die unio mystica der Mystiker im Westen. Erleuchtung, etwa „Erkennen des eigenen Ichs“ oder „Erkennen der eigenen Natur“ ist eine geistige Erfahrung in der Tradition des Zen. Es ist ein initiales Erweckungserlebnis, bei dem der Erweckte seine eigene wahre Natur, sein wahres Selbst erkennt, die es ihm ermöglicht, fortan im täglichen Leben am Verständnis dieser Erkenntnis zu arbeiten. Es wird auch oft mit „Selbst-Wesens-Schau“ übersetzt, was bedeutet, dass man die wahre Natur seines Seins erkennt und dadurch die alles Seienden. Die Aufgabe für den Übenden besteht danach darin, diesen Zustand auf sein tägliches Leben zu übertragen, das heisst, nach dieser tief empfundenen Erkenntnis zu leben.
Die persönliche Arbeit auf das Ziel dieser Vergegenwärtigung hin ist zumeist ein langwieriger Prozess von Meditation und Introspektion unter der Anleitung eines Zen-Meisters oder eines anderen Lehrers. Die zugrundeliegende Methode heisst: Wer bin ich?, weil es genau diese Frage ist, die die Suche nach der eigenen wahren Natur anführt.
Der erste Schritt auf dem Weg zur mystischen Hochzeit ist der Gedanke, dass kein denkendes Ich existiert, sondern es gerade der Vorgang des Denkens ist, der die Illusion eines Ich hervorbringt.
Carl Gustav Jung - Innere Kontemplation
Der analytische Psychologe Carl Gustav Jung versteht Mystik als religionsunabhängige innere Kontemplation jenseits der Spaltung in verschiedene Konfessionen und Bekenntnisse. Ein Vorbild für ihn ist der Schweizer Mystiker Niklaus von Flüe (Bruder Klaus).